Du und (?) ich
Du und (?) ich
Als du und ich uns zum ersten Mal trafen, fühlte es sich direkt vertraut an.
Es dauerte nicht lang, da gingen du und ich zusammen ins Kino, trafen Freunde und verbrachten die Wochenenden zusammen.
Du und ich sahen uns fast jede freie Minute. Irgendwann beschlossen du und ich, dass es Zeit sei, die Eltern des anderen kennenzulernen.
Der nächste Schritt kam auch recht schnell: Du und ich zogen in eine gemeinsame Wohnung, sodass aus dem „Du und Ich“ ein „Wir“ wurde.
Wir gingen zusammen in Restaurants, wir fuhren in Urlaub, wir besuchten unsere Freunde.
Wir genossen freie Abende mit Chips und Wein auf dem Sofa, wir schliefen nebeneinander ein.
Irgendwann kauften wir ein Haus, in das wir am Wochenende unsere Freunde einluden, irgendwann freuten wir uns auf Nachwuchs.
Als unser erstes Kind geboren wurde, waren wir glückliche, strahlende Eltern.
Die ersten „Du oder Ichs“ kamen schleichend.
Ganz still und heimlich schmuggelten sie sich in unsere Beziehung, drängten sich zwischen uns. Zuerst unbemerkt, dann immer offensichtlicher.
„Wer ruft den Klempner an? Du oder ich?“, „Wer fährt mit den Kindern zum Zahnarzt? Du oder ich?“, „Wer kann am Samstagabend ausgehen? Du oder ich?“
Ohne es zu merken, war der Zeitpunkt, aus dem „Du oder Ich“ wieder zumindest ein „Du und Ich“ machen zu können, überschritten, sodass es dann hieß:
„Wer bekommt das Haus – du oder ich? Wer die Kinder – du oder ich?“
Aus dem „Du und Ich“ wurde schließlich ein „Ich“.
Ich ging meiner Arbeit nach, ich traf meine Freunde, ich bekam mein Leben wieder in den Griff. Ich traf andere Männer.
Seitdem ist viel Zeit vergangen, doch heute frage ich mich, wann wir das „Und“ noch hätten retten können, denn ich will es nicht mehr, dieses „Ich“. Und du?